ZWISCHEN SCHWARZ UND WEISS:
Thomas Köllhofer
Zwischen Schwarz und Weiß
Der vorliegende Überblick möchte anhand zentraler Themengruppen Zugänge zu einem grafischen Werk öffnen, das durch seine monumentale Schlichtheit und suggestive Assoziationsdichte spricht.
Das grafische Werk von Andrea Zaumseil nach herkömmlichen Gattungsbegriffen einzuordnen ist nicht leicht. Ihre Zeichnungen fallen in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen üblicher Betrachtungen und Einordnungen.
Ihre Arbeiten auf Papier entstehen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ausschließlich in schwarzer Pastellkreide, einem Medium, das sowohl in der Gattung der Zeichnung wie auch in der Malerei zu finden ist. Zaumseils monochrome Papierarbeiten würde man an sich als Zeichnung kategorisieren. Ihre Blätter haben jedoch nicht den für die Zeichnung typischen linearen Charakter, sondern bestehen aus flächig ineinander übergehenden oder sich voneinander absetzenden Tonwerten, die im optischen Ergebnis malerische Kraft entwickeln. Entsprechend entstehen Räume meist durch flächige Hell- Dunkel-Werte, nicht durch ein gezeichnetes Liniengerüst.
Zaumseils spezielle Art und Weise, mit der Pastellkreide zu arbeiten, trägt wesentlich zum besonderen Charakter ihrer Zeichnungen bei. Oft schwärzt Zaumseil Bereiche des Papiers komplett entweder mit der Kreide selbst oder aber mit Pastellkreidepulver. Im Anschluss verreibt sie das Pigment mit den Händen und erst so erlangen die dunklen Bereiche ihr abgründig tiefdunkles, mattes Schwarz, das kein Licht mehr reflektiert. Die hellen Stellen innerhalb der schwarzen Flächen wiederum entstehen durch Auswischen mit einem Tuch, durch Wegreiben mit den Handballen oder durch Herausradieren der jeweiligen Bereiche. Tuch, Hand und Radierer werden so neben der Pastellkreide zum gleichwertigen Arbeitsmittel. Überflüssiges Pigment wird mit dem Pinsel weggefegt. Stellen, die weiß erscheinen sollen, müssen unbearbeitet bleiben, weil Radieren keine helle, unberührte und damit weiße Fläche möglich macht. Korrekturen sind meist nur zum Dunkleren hin möglich. Dadurch, dass Zaumseil das schwarze Pigment in einer permanenten, geradezu manisch anmutenden Abfolge aus Auftragen, Einreiben, Ausradieren und wieder Auftragen den Blattflächen einschreibt, entwickeln sich ihre Bildmotive in hohem Maße während des Zeichnens. Auch wenn am Beginn jeder Zeichnung ein Plan und eine Vorstellung steht, ergeben sich die Details und das konkrete Ergebnis im Wesentlichen aus dem Prozess. Zaumseils Bilder entwickeln sich in einem permanenten Dialog mit dem, was gerade entsteht.
Andrea Zaumseil ist Stahlbildhauerin. Als solche sagt sie, dass für sie das Arbeiten mit Pastellkreide auf Papier auch eine bildhauerische Technik ist, sie versteht ihre Art zu zeichnen als einen bildhauerischen Prozess. Es handelt sich dabei allerdings nicht um Bildhauerzeichnungen im herkömmlichen Sinne, die als Vorzeichnungen, Entwürfe oder Skizzen für eine geplante Plastik oder Skulptur entstehen. Andrea Zaumseils Zeichnungen sind vielmehr deshalb Bildhauerzeichnungen, weil ihre zentralen Themen Raum und Volumen sind. Alle ihre Zeichnungen öffnen einen Raum, dem die Betrachtenden unmittelbar gegenüberstehen. Körperliches erscheint in diesen Räumen als Gegenstand, landschaftliche oder architektonische Form. Menschen, Pflanzen oder Tiere tauchen – abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen – nicht auf. Andrea Zaumseils Landschaften und Architekturen sind menschenleer, sind unwirtliche und abweisende Orte, die nie zum Verweilen einladen.
Dennoch ist der Mensch in seiner Abwesenheit überaus präsent. Als Betrachter ist er in einen Bildraum einbezogen, der die Blattgrenzen negierend sich ins Unendliche ausdehnt. Da viele Zeichnungen der Bildhauerin überformatig sind, gelingt es den Betrachtenden nicht, eine Distanz zwischen sich und der Bildwelt aufzubauen, eine geschützte Position einzunehmen. Sie werden vielmehr zu einem Teil des Dargestellten, werden von den von ihnen betrachteten Bildwelten elementar selbst betroffen.
Zaumseils Bildwelten zeigen fremde Orte, ferne Welten, die ein unterschwellig sich ausbreitendes, unter die Haut gehendes Gefühl des Unwohlseins auslösen, die eine Bedrohung, eine existenzielle Unsicherheit vermitteln: schwindelnd hohe Architektur, die aus der Vogelperspektive oder aus großer Tiefe von unten betrachtet wird, Naturgewalt in Form ungestümer Wellen, endlos weites Meer, tiefe Unterwasserwelten, öde Landschaften oder brüchige, hohle Oberflächen, über die man sich kaum zu bewegen trauen würde.
Zaumseils Zeichnungen sind Erinnerungsbilder, die aus Gesehenem, Erlebtem, aus Traumbildern und Quellen des Unbewussten entstehen. Sie richten den Blick auch zurück in die Geschichte, aber sie enthalten nicht das Aufatmen nach dem Durchleben einer Situation. Im Moment der Betrachtung fokussieren sie vielmehr den Augenblick und die nahe Zukunft. Sie zeigen gegenwärtige Bedrohung, verbildlichen Erwartung. Zaumseils Zeichnungen haben kein lineares Narrativ, sondern erzeugen als bildgewaltige Stimmungsbilder ein untergründig sich vermittelndes, physisches Erleben. Zugleich haben die Bilder eine unvermutet große erzählerische Qualität, weil sie wie Filmsequenzen dazu dienen, die Vorstellungskraft der „Zuschauenden“ zu einem sehr unmittelbaren Erleben zu bringen.
Kammern
Kammern können viele unterschiedliche Aufgaben haben. Sie können zum Schlafen dienen, sie können Vorratsräume sein. Sie können Erinnerungsspeicher werden. Kammern als architektonisches Element sind von Menschen geschaffen. Andrea Zaumseils KAMMERN aus dem Jahr 1993/94 aber sind nicht bewohnbar, scheinen nicht zur gewohnten Alltagswelt des Menschen zu gehören. Obgleich wir keinen Anhaltspunkt für die Maßstäblichkeit ihrer baulichen Strukturen haben, wirken diese Kammern übergroß. Man schaut in starker Untersicht auf Wände, in leere Öffnungen und in Schächte mit breiten Querstreben, die sich zwischen Wände stemmen. Dabei sind die wuchtigen Querbalken viel zu hoch, als dass sie für ein menschliches Zurechtfinden innerhalb ihrer Strukturen eine Hilfe wären. Zaumseils Kammern wirken kalt, abweisend, nahezu verliesartig. Eine erkennbare Funktion haben sie nicht. Beim Betrachten dieser gebauten Welt scheint man ihr zusehends ausgeliefert zu sein, man kann sich ihrer Unwirtlichkeit nicht entziehen. Da nirgendwo ein Anfang oder Ende zu erkennen ist, weiß man nicht, wohin man sich bewegen sollte, um diesem unbelebten fahlen Orten zu entkommen.
Hie und da schaut man nicht von unten in Architektonisches, sondern auf dunkle, fensterartige Quadrate, die sich düster gähnend in Böden oder Wänden öffnen, ohne dass Innenräume erkennbar würden. Das unergründliche Dunkel mit ungewisser Tiefe löst Beklemmung aus. Hier vermutet man Gruben, Kanalartiges, assoziiert statt endloser Höhe bodenloses Nichts und damit wiederum Orte, die nicht für ein menschlich behaustes Dasein entstanden sind.
Die letzte Zeichnung dieser KAMMERN-Serie (Abb. S. 19#) zeigt eine geschlossene Tür, an deren Kanten ein dünner Streifen Licht durchschimmert. Türen, Schächte, Gruben, Wände. Andrea Zaumseil spielt mit der Ungewissheit, indem sie die bauliche Situation verschleiert. So mag die Tür ein schweres Stahl- oder Steintor sein, im Umriss definiert nur durch ein Licht, das hinter ihr zu ahnen ist, und bei der gerade so viel durch die Ritzen dringt, dass man Vorhandenes überhaupt erst wahrzunehmen meint, nachdem das betrachtende Auge sich im Dunkel zurechtgefunden hat. Türen sind Grenzen zwischen innen und außen, zwischen einem Davor und Dahinter – zwischen einem Davor und Danach, zwischen Leben und Tod. Was sich hinter einer Tür verbirgt, ob sich der Weg zum Licht – zu Wissen und Erkenntnis – öffnet oder ob sich hinter ihr Angst, Schrecken und Verderben verbergen, wird man erst wissen, wenn sie geöffnet wurde. Andreas Zaumseils Tor allerdings wirkt so fest in sein Umfeld eingefügt, dass man nicht sicher sein kann, dass es sich öffnen ließe, und zu fürchten beginnt, dass der Weg aus der Kammer dauerhaft versperrt bleibt.
Das Dach über dem Kopf. Der Boden unter den Füßen.
Krater
Die gut fünf Jahre später entstandene Serie DAS DACH ÜBER DEM KOPF. DER BODEN UNTER DEN FÜßEN ist mit ihrer Darstellung kubischer Architekturen den KAMMERN durchaus verwandt. Auch hier werden die Bauelemente entweder in starker Untersicht oder in deutlicher Aufsicht gezeigt. Zu erkennen ist nur, dass man entweder aus der Höhe auf ein Labyrinth aus rechteckigen Mauern schaut, die nicht preisgeben, wie weit sie in die Tiefe führen. Und dass – wo nicht die Vogelperspektive gewählt wurde – der Blick der Betrachtenden von unten nach oben zu stalaktitartig herabhängenden Formationen gelenkt wird, denen weder eine tragende noch eine sonstige architektonische Funktion zugeordnet werden kann. Perspektivisch zugespitzt, scheint auch die Raumsituation dieser Zeichnungen Betrachtende eher abzuweisen als (wenn auch fiktiv) eintreten zu lassen – zumindest nicht so, dass sie sich in diesen Räumen wohl und sicher fühlen könnten. Obgleich Zaumseils Architekturen aus klaren quadratischen und rechtwinkligen Strukturen aufgebaut sind, befriedigen sie das Bedürfnis nach Orientierung nicht. Sie bieten weder Ausgangs- noch Haltepunkte für eine Verortung und scheinen jeglichen Zutritt zu verweigern.
Sie lösen somit das genaue Gegenteil aus von dem, was ihr Titel suggeriert. DAS DACH ÜBER DEM KOPF. DER BODEN UNTER DEN FÜßEN weckt Vorstellungen von Haus und Häuslichkeit, von einem Zuhause, in dem man sich geborgen fühlt, geschützt ist vor Not und Gefahr mit sicherem Stand nicht nur auf dem Boden, sondern auch im eigenen Leben. Zaumseils Konstruktionen jedoch hängen als scharfkantige Betonklötze über unseren Köpfen, bieten keinen Schutz, sondern wirken bedrohlich. Hier fühlt man sich keineswegs geborgen. Die menschenleer und weltraumkalt wirkenden Räume sind kahl, nüchtern, unberührt. Sie sind Unort, beliebiger Ausschnitt, ohne den Blick hinaus zu gewähren. Von irgendwoher fällt hartes Licht auf die steilen Wände, ohne dass ersichtlich wird, woher es kommt bzw. ob es aus einer Welt stammt, die noch erreichbar ist.
Andrea Zaumseils KRATER aus den Jahren 1994/95 sind ebenso menschenleer und unwirtlich wie ihre architektonischen Zeichnungen. Anders als bei Architektonischem erwartet man bei Kraterlandschaften jedoch von vornherein keine Ausrichtung auf menschliches Leben. Zaumseils KRATER könnten auf dem Mond oder auf fernen Planeten ebenso gut wie auf der Erde entstanden sein. Wir können nicht entscheiden, ob es sich um Krater nach einem Vulkanausbruch oder nach Einschlägen von Meteoriten handelt.
Vorherrschend ist wiederum eine Dunkelheit, aus der sich diesmal in undefinierbar flacher Umgebung gruppierte, von einer unbestimmbaren Lichtquelle beleuchtete Krater erheben. Die kreisrunden, in ihrer unergründlichen Formation faszinierenden Erscheinungen bannen den Blick auf ein verschattetes Innen, ohne preiszugeben, welcher Naturgewalt sie ihr Dasein verdanken. Ob aber Vulkanausbruch oder Meteoriteneinschlag: Beide Geschehen stehen für urplötzlichen Aus- oder massiven Einbruch, für das unvermittelte Freiwerden von unkontrollierbaren maßlosen Kräften. Bei Zaumseil allerdings findet sich davon nichts, auch von den unmittelbaren Folgen wird nichts erzählt. In einer zeitlos lebensfeindlichen Welt mit ihren wüsten und leeren Landschaften stehen die Krater wie Narben lang zurückliegender Ereignisse als stumme Zeugen einstiger Zerstörung.
Schwimm!
Einer weiteren Naturgewalt, dem Wasser, widmet sich Andrea Zaumseil erstmals in einer im Jahr 2002 entstandenen Serie. Hier ist der zugehörige Titel SCHWIMM! als dringliche Aufforderung zu verstehen. Denn in diesen Zeichnungen geht es nicht um Badevergnügen im See oder an einer geschützten Meeresbucht, sondern um ein Schwimmen im offenen Meer ohne Blickkontakt oder jegliche andere Verbindung zur rettenden Küste, zum festen Land. Motivisch werden dabei drei Bereiche erfasst: der Strudel, gischtend aufschäumende Wellen und hohe Wogen im endlosen Meer.
Kratern vergleichbar, bilden auch Strudel eine sich dunkel vertiefende, soghaft verschlingende Mitte aus. Konzentrisch enger werdende Wirbelbewegungen erzeugen ein immerwährend hinabziehendes Kreisen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wer in den Sog eines derartigen Strudels gerät, schwimmt chancenlos um sein Leben. Entsprechend enthält Zaumseils lapidarer Imperativ SCHWIMM! ebenso wenig aufmunternde Zuversicht, wie ihre unerbittlich dunkel kreiselnden Strudel auf einen Ausweg hoffen lassen. Die Bildfläche beherrscht eine in leichter Aufsicht gezeigte, langsam einwärts sich beschleunigende Spiralstruktur, deren ausschnitthafte Wiedergabe verhindert, dass sie gelassen distanziert betrachtet werden kann. Weder ist das Phänomen aus sicherem Abstand zu erfassen noch in einen größeren Kontext einzuordnen. Als Betrachterin und Betrachter scheint man vielmehr unaufhaltsam in das Bildgeschehen, in die abwärtsführende Kreisbewegung hineingesogen zu werden.
Seit Menschengedenken ängstigen Strudel, deren Entstehung man sich lange nicht erklären konnte. Schon in Homers Odyssee spielen sie mit den Ungeheuern Skylla und Charybdis eine zentrale Rolle. Sprichwörtlich geworden im Sinne einer Wahl zwischen zwei Übeln drohte dem Seefahrer in der Meerenge zwischen Skylla und Charybdis entweder aufgefressen oder mit großen Wassermengen samt Schiff in die Tiefe gezogen zu werden. Nur Odysseus allein gelang es, sich aus der tödlichen Gefahr des charybdischen Strudels zu retten, während seine Männer und sein Schiff zugrunde gingen.
Im Unterschied zur verschlingenden Abwärtsbewegung der Strudel scheinen auf einer Zeichnung wie SCHWIMM! (S. 54/55#) gischtgekrönte Wellenberge mit gewaltig sich steigernder Wucht durch eine enge Schlucht hindurch auf die Betrachtenden zuzustürzen. Fast körperlich nimmt man das Unausweichliche dieser Dynamik wahr, befürchtet, von unaufhaltsam vorwärtsdrängenden Wassermassen erfasst und mitgezerrt zu werden.
2002 entstehen auch zahlreiche Zeichnungen, die sich ausschließlich auf die Darstellung von hohem Wellengang auf offener See konzentrieren. Wie zuvor beschränkt sich Andrea Zaumseil auf die abstrahierende Wiedergabe eines kleinen, gleichwohl bildraumfüllenden Ausschnitts, wodurch ihr künstlerischer Zugriff monumentalisierend wird und die Betrachtenden durch die ausschnitthafte Nähe im Motivischen unmittelbar ins Bildgeschehen einbezogen sind. Unklare Perspektive und stürzende Linien erschweren zudem die Orientierung. Diese völlig distanzlose Form der Wahrnehmung erlaubt keinen rückgewandten Blick, sie ist restlos auf das augenblickliche Erleben der Situation hin ausgerichtet.
Meer
See
Fünfzehn Jahre später entstanden die Serien MEER (2017) und SEE (2019). Zwar wird weiterhin auf einen Orientierung bietenden Horizont verzichtet, bleibt der Blickpunkt tief und die Wasseroberfläche nah. Doch hat Zaumseil einen perspektivisch merklich höheren Standpunkt gewählt, sodass für die Betrachtenden optisch eine räumliche und damit emotionale Distanz zur eigengesetzlichen Naturgewalt entstehen kann. Meer und See werden nun von schräg oben betrachtet. Außerdem trägt auch die horizontale Linienführung wesentlich zu einer Beruhigung des emotionalen Ausdrucks bei. Unvermutet lassen sich auch statt der bisher sehr reduzierten, kalten Beleuchtung auf den Wasserflächen von See und Meer lebendige Lichtspiegelungen beobachten. Die See ist nicht mehr Furcht einflößend, so wie etwa die Zeichnungen der Serie MEER im Vergleich zu den nächtlichen Blättern der Serie SCHWIMM! deutlich lichthaltiger sind. Noch um einiges heller sind schließlich die SEE-Serienzeichnungen, wo Wasser sich nicht wellenhoch zeigt, sondern zum Beispiel im anmutigen Spiel mit Ringstrukturen, offensichtlich durch kleine Regentropfen ausgelöst.
Bestimmte das abgrundtiefe, dunkel herrschende Schwarz und damit eine Atmosphäre düsterer Verlassenheit für lange Zeit das zeichnerische Werk Andrea Zaumseils, hellen sich hier Bildräume auf und verbreitet sich eine mitunter nahezu heitere Stimmung.
Land (ohne uns)
Andrea Zaumseils 2007 entstandene Serie LAND (OHNE UNS) ist maßgeblich vom Nebeneinander und vom gegenseitigen Bedingtsein blendend hell beleuchteter Flächen und dunkel verschatteter Räume bestimmt. Bei diesen Zeichnungen wird der bildhauerische Charakter ihrer Zeichnungen – ihr Denken und Arbeiten mit Körpern im Raum – deshalb besonders deutlich.
Land meint für diese Blätter wohl zugleich Landschaft. Doch zu betreten, zu durchwandern sind diese weitläufigen Landschaften wohl kaum. Selbst wenn man parallel verlaufende Gebirgszüge erkennen könnte, sind deren Grate so scharfkantig, ihre Hangflächen so steil und glatt, dass man nicht wüsste, wo Halt finden und wie sich fortbewegen.
Wie immer ist kein Hinweis auf Größenverhältnisse und Flächenausdehnung gegeben, fehlt jegliches anekdotische Detail. Keinerlei Vegetation belebt die abschüssigen Berghänge, kein Fluss durchzieht die engen Täler, als wären die tektonischen Formationen allein durch Wind und Wetter entstanden. Die Abwesenheit von Wasser, von jeglicher Form organischen Lebens lässt an ferne Gestirne und Mondlandschaften denken. Dort allerdings, wo es keine Atmosphäre gibt, wo Erosion vor allem durch Kälte und Hitze, durch Einschläge oder vulkanische Ausbrüche entsteht, ist Derartiges kaum denkbar.
Zaumseils gratige Gebirgsfurchen erscheinen eigentümlich vertraut und unwirklich fremd zugleich. Vertraut, weil sie an Bekanntes erinnern – an Gebirge, an scharfkantige Klippen oder Gesteinsformationen –, und fremd, weil man sich dann doch nicht an etwas unmittelbar Vergleichbares erinnern kann, unwirklich, weil vom menschlichen Auge keine Landschaft je als ein derartig unspezifisches Niemandsland, als reine, kalte Ödnis wahrgenommen wird. Sie muss einer anderen, einer albtraumhaften Welt zugehören. Dies umso mehr, als jegliche Farbe fehlt (Andrea Zaumseil arbeitet, wie eingangs erwähnt, ausschließlich mit schwarzen Pastellkreiden) und die magische Lichtwirkung zwar den nächtlichen Vollmond zitiert, vor allem aber als surreale Macht die gespenstische Fremdheit der Szenerie unterstreicht. Zaumseil lässt aus der Vogelperspektive auf ihre Landschaften blicken, jedoch keinen Gesamteindruck zu. Der Blick wird aufs Ausschnitthafte enggeführt, eine selbstvergewissernde Verortung nicht zulassend.
Bei weiteren Landschaften dieser Serie (S. 72#) sehen wir auch dieses surreale Licht, schauen aber aus größerer Entfernung auf vereinzelt kegelförmig sich ausbildende Körper, die aus einer näher nicht definierten Fläche wachsen. Als hätte man diese Kegelberge aufgespalten, enden die Erhebungen in scharfkantigen Spitzen. Sie wirken wesenhaft belebt, diese Berge, und so, als könnten sie jederzeit aufspießen, was sich ihnen nähert.
LAND (OHNE UNS) – Andrea Zaumseil spricht die Betrachtenden dieser Serie direkt an, doch nur, um sogleich zu signalisieren, dass das, was als „unser“ tituliert wird, offenkundig ohne uns, aber auch ohne jedes andere vertraute Leben existiert. Land scheint weniger für Landschaft als für eine zukünftige Welt zu stehen.
Melancholia / Dort!
Zu den wenigen figürlichen Darstellungen im grafischen Werk von Andrea Zaumseil zählen die Blätter der Serie MELANCHOLIA. Allerdings wird gerade hier kein Mensch, sondern ein Tuch gezeichnet, unter dem Kopf, Schulter- und Brustpartie eines Menschen verborgen sind. Marien-Ikonografie und Tschador-verhüllte Frauen im Hinterkopf, denkt man sofort an eine Frau, obgleich der Blick auf ein Gesicht verwehrt bleibt. Hier wurde jemand verborgen oder hat sich selbst von der Außenwelt zurückgezogen und existiert nun unter einem Tuch, das nicht als dünnes oder gar transparentes Schleiergewebe umspielt, sondern als schwerer, dichter Stoff, dessen Gewicht im lang gezogenen Faltenwurf spürbar wird, verhüllt. Das Tuch scheint eine undurchdringliche Grenze zu bilden zwischen einem äußeren Davor und einem inneren Dahinter – Mensch und Tuch sind zu einer statuarischen Einheit geworden.
Die Zeichnungen der Serie MELANCHOLIA sind 2007 entstanden und damit unmittelbar nachdem Andrea Zaumseils Mutter gestorben war. Sie sind Trauerarbeit und können als Selbstporträts verstanden werden. Zaumseils Darstellung einer verhüllten Frau geht jedoch darüber hinaus. Es sind allgemeingültige Sinnbilder für Schwermut, Schmerz und Trauer – Metaphern für die Dunkelheit, in die ein Mensch sich zurückzieht, in der er verschwindet, die ihn ausfüllen kann. Diesen tuchverhangenen Menschen erreichen kein Licht und kein Geräusch, kein Blick und keine Berührung. Er ist mit seinen Empfindungen, Gedanken und Erinnerungen allein. Dabei gelingt es Zaumseil, in der strengen Konzentration auf ein durch menschliche Körperform bedingtes Tuchvolumen etwas von dem zu vermitteln, was wir nicht sehen können: die schlichte Dunkelheit als das Fehlen von Licht und die Dunkelheit der Seele.
Auffallend ist, dass Zaumseil die Trauernde nicht der ikonografischen Tradition folgend mit gesenktem Haupt zeigt. Ihre Gestalten lassen kaum eine Kopfneigung erkennen und bewahren eine aufrechte Haltung. So in sich gekehrt sie sind, scheinen sie doch wach und konzentriert, aufmerksam zu sein.
Auch Andrea Zaumseils Serie DORT, die 2011 entstanden ist, zeigt eine fremde Welt. Dort, das kann überall sein, nur nicht da, wo man selbst gerade ist. Dort ist immer anderswo, muss nicht, kann aber weit entfernt sein. Hier scheint es sich, im Unterschied zu LAND (OHNE UNS), um Unterwasserwelten zu handeln. Man meint von weit her auf Meeresgrund zu blicken und dort, leicht verschwommen und lichtumspielt, kleine und größere Gesteinsformationen zu erkennen, wie sie etwa Tiefseeaufnahmen von Manganknollen dokumentieren. Wiederum ist nichts Lebendiges, kein Fisch, kein Unterwassergetier zu entdecken. Ebenso fehlt jegliche Vegetation – Licht jedoch hat irgendwie in diese tiefe, laut- und bewegungslose Welt gefunden. Das Wasser nimmt dem Licht seine Härte und lässt die hügeligen Formationen und ihre Schatten in leicht diffuser Unschärfe erscheinen. Man blickt auf diese fremde Welt ohne Angst. Ruhe und Stille lassen Zeit zum entspannten Betrachten. Wirken Kammern, Krater, Strudel vielfach soghaft und beklemmend, löst hier der Blick in die Tiefe zunehmend Neugier auf die eigentümlichen Erhebungen aus. So mag man diese Orte gern erkunden, doch lebensfreundlicher werden sie nicht.
Stachel
Landschaftliches aus dem Jahr 2012, das deutlich abweisender ist, hat Andrea Zaumseil nicht von ungefähr unter dem Titel STACHEL zusammengefasst. Denn Stachel – ob von Insekten, Fischen oder Säugetieren oder als Dorne von Rosen – dienen immer der Abwehr, der Verteidigung, verursachen Schmerzen oder Wunden. Zaumseils dreizackige wie aus sandiger Erde sich schiebende, mitunter im Zuspitzen scheinbar sich biegende Dreieckskörper erinnern an Panzersperren, die jegliche Fortbewegung unterbinden sollen. Auch hier spielt Zaumseil mit dem gewählten Ausschnitt, der die Einordnung dieser körperlichen Gebilde in einen nachvollziehbaren Zusammenhang verhindert. Es fehlen räumliche Koordinaten, sodass der Eindruck unfassbarer Dimensionen entsteht. Es scheint, als hätten sich diese wehrhaften Formationen gegen etwas Unbekanntes in Stellung gebracht.
Insbesondere anhand ihrer STACHEL-Serie wird anschaulich nachvollziehbar, wie sich Andrea Zaumseil Realität, wie sie sich Gesehenes anverwandelt und motivisch bildhaft werden lässt. Ausgangspunkt der Serie war das Präparat eines Igelfischs, an dessen Stacheln, wenn der Fisch sie abwehrbereit aufgerichtet hat, Zaumseils Spitzformen entfernt erinnern. Durch den gewählten Ausschnitt wird, was winzig ist, zu einer weiten Landschaft. Zaumseil macht aus einem Mikrokosmos ihren Makrokosmos. Sie geht von Formen aus, die sich seit Urzeiten entwickelt haben, rezipiert diese abstrahierend – Zaumseils Stachel etwa sind flacher, kürzer, weniger zugespitzt, jedoch keineswegs weniger wehrhaft – und konzentriert im Ausschnitthaften das ihr Wesentliche. Die so entstandenen Bilder knüpfen an unsere Erfahrung an, unweigerlich auch an die Vorstellung von Gefahr und Schmerz. Dabei ist die Faszination, die von Zaumseils Bildwelten ausgeht, eine äußerst zwiespältige. Sie erwächst aus der ambivalenten Wechselbeziehung von Ästhetik und Funktion. Wie jeder Rosendorn für sich betrachtet ein formschönes Wunderwerk der Natur ist, sind Zaumseils Spitzen feinst schattierendes, körperschaffendes Chiaroscuro. Zugleich jedoch steckt in dieser formalen Schönheit Bedrohliches, Abwehr und Gefahr. Die Schönheit einer durch ihre Funktion bedingten Form könnte man unbeschwert genießen, wäre da nicht die latent beunruhigende Botschaft von Abwehr und Gefahr.
Rauch / Weit fort
Wie schon in ihren Serien SCHWIMM! oder MEER setzt sich Andrea Zaumseil in der Serie RAUCH von 2012 mit einem macht- und gewaltvoll physikalischen Phänomen auseinander. Dicht geballte Rauchwolken nehmen den gesamten Bildraum ein und scheinen sich über die Bildgrenzen hinweg ausdehnen zu wollen. Überall ist Qualm, der sich in Zaumseils Zeichnungen unmittelbar teils über, teils vor uns ausbreiten will, uns einzuhüllen und zu ersticken droht. Auch wenn nur ein Augenblick der Rauchentwicklung festgehalten ist, gelingt es ihr, in diesen Standbildern die immerwährende Verwandlung, das Metamorphotische dieses permanenten sich Raum verschaffenden Quellens bildlich einzufangen. Thematisiert wird aber auch, dass derartige Rauchwolken zuerst die Sicht und dann die Luft zum Atmen rauben.
Rauchwolken entstehen, wenn große Mengen an Staub-, Asche- oder Rußpartikel infolge eruptiver Druckwellen in die Luft geschleudert werden – ob als Naturereignis bei Vulkanausbrüchen oder von Menschen verursacht bei brennenden Ölraffinerien, durch Bombeneinschläge, Detonationen. Rauch-, Staub- und Qualmwolken sind Ausdruck entfesselter Gewalt und der Zerstörung. Trotz winzigster Partikel tonnenschwer, folgen sie in scheinbar spielerischer Schwerelosigkeit einer naturgesetzlichen Dynamik, erobern unaufhaltsam Himmelsraum.
Zerstörerische Gewalt und Bedrohung sind aber nur die eine Seite von Zaumseils Serie RAUCH. Die andere ist die Faszination, die vom Schauspiel eines derart raschen, übergangslos sich wandelnden und erneuernden Formenspiels ausgeht und das Zaumseil in ihren großformatigen Blättern einzufangen weiß.
Ähnlich wie die Blätter der Serie RAUCH fesseln auch Zaumseils Zeichnungen der 2016 entstandenen Serie WEIT FORT den Blick der Betrachtenden mit ihrem nuancierenden Reichtum an schöpferischer Variation des Immergleichen. Ein feingratig netzartiges Lineargefüge erinnert an Naturhaftes, dessen gewachsene Struktur durch Wind und Wetter geformt wurde und die so einzigartig ist wie jegliches im Großen und im Kleinen – Rinde etwa, Verwittertes, eine Sandverwehung. Auch hier lässt Zaumseils ausschnitthafter Zugriff im vorgeblich Kleinen das Makrokosmische aufscheinen, so wie der Titel auf große Ferne, fremde Welten verweist – und damit letztlich von Ort- und Heimatlosigkeit erzählt. Wo ist WEIT FORT? Wer ist WEIT FORT?
Tatsächlich haben selbst diese strukturschönen Zeichnungen eine dunkle Seite. Die optisch zarte Haptik der filigranen Gebilde entpuppt sich als rau und spröde. Man ahnt, wie wenig angenehm es wäre, sie zu berühren oder gar einen Fuß auf sie zu setzen. Zudem finden sich kaum geschlossene Oberflächen, stattdessen immer wieder tiefschwarze Zonen, ausgebrochene Fehlstellen, die darauf hinweisen, dass diese Flächen kaum tragfähig, spröde und zerbrechlich sind. Nichts ist hier sicherer Grund oder feste Form, nichts hat Bestand. Rindenhaftes ist nicht fest mit gesundem Holz verwachsen, sondern brüchig und hohl. Landschaftliches scheint auch WEIT FORT keinen sicheren Hort zu bieten. Das Mikrokosmische ist im Makrokosmischen nicht mehr aufgehoben.
SCHATTEN / Nachtstücke / Sturz / Vögel stürzend / Nachtvögel / Vögel kauernd
Zaumseils SCHATTEN-Serie von 2016 ist der Serie WEIT FORT in ihrem parallelisierenden Lineament durchaus verwandt und doch maßgeblich von ihr unterschieden. Denn hier ist nicht nur alles unversehrt – es scheint auch jenseits des Bildraums eine Außenwelt zu existieren. Von dort fallen Schatten herein, die auf der feinen, plisseeartigen Struktur des Binnenraums ein lebendiges Licht- und Schattenspiel ergeben. Härter gezeichnet, thematisiert WEIT FORT die Brüchigkeit der Welt, weicher aufgefasst dagegen SCHATTEN die Schönheit von Hell und Dunkel.
Auch Zaumseils Serie der NACHTBILDER (2014) greift dieses Thema auf. Tanzende Lichtpunkte beleben eine horizontale Staffelung, kleine Kugeln schweben im weiten Raum; mit Schärfe und Unschärfe wird gespielt, mit plastischer Rundung, der körperlichen Präsenz einzelner Strukturen und verschwimmender Flächigkeit. Nächtliches wird hier mit unvermuteter Leichtigkeit variiert – scheint geradezu heiter Traum und Wirklichkeit zu verbinden.
Hatte sich Andrea Zaumseil über Jahre hinweg – etwa bei SCHWIMM! oder RAUCH – mit der Darstellung soghafter Spiralbewegung auseinandergesetzt, geht es ihr mit den Zeichnungen zu STURZ, eine Serie, die 2019 entstanden ist, um die Wiedergabe unvermittelt heftiger Abwärtsbewegung. Entsprechend sturzbachartig wirkt das vertikale Liniengefüge, das sich in unregelmäßiger Regelmäßigkeit über die Bildfläche ergießt. Nichts gibt es, was sich fixieren ließe, sodass ununterscheidbar wird, ob man selbst am Hinabstürzen ist oder ob es Wassermassen sind, die in die Tiefe rauschen. Für einen Augenblick scheinen rasende Geschwindigkeit und Stillstand eins zu werden – als ob es keinen Aufprall, kein Zerschellen gäbe.
Bei Zaumseils Serie VÖGEL STÜRZEND von 2019 unterstreicht dagegen eine stromlinige Geschlossenheit der Vogelkörper die pfeilschnelle Geschwindigkeit ihres Sturzflugs. Gesteigert wird der Eindruck hohen Tempos durch einen hellen Schimmer um Kopf und Schnabel, der – keineswegs naturgetreu – das Moment im freien Fall sich steigernder Geschwindigkeit als diffuse Lichterscheinung fasst. Zaumseils Vögel sehen nicht so aus, als würden sie tot vom Himmel fallen. Es ist ein aktives, zielgerichtetes Stürzen, das auf Beute aus ist. So gesehen, handelt es sich um Todesvögel. Andrea Zaumseil zeichnet keine anmutige Vogelschar. Außer nächtlichen STURZVÖGELN lässt sie NACHTVÖGEL (2021) wie Mauersegler oder Schwalben blitzschnell die Luft durchschneiden oder zeigt KAUERNDE VÖGEL (2021), die an aufgeplusterte Rabenvögel erinnern. Bildfüllend haben sich diese KAUERNDEN VÖGEL, bei denen sich Augen und Schnabel kaum vom tiefschwarzen Gefieder abheben, niedergelassen. Keineswegs ängstlich, vielmehr scharf beobachtend, vielleicht urteilend oder einfach nur neugierig, entwickeln sie eine machtvolle anthropomorphe Präsenz. Zaumseils Vögel erzählen nichts von federleichtem Flug. Sie gehören der Nacht, stürzen herab und verharren dunkel wartend gegenüber.
STURM
Auch bei Zaumseils jüngsten Arbeiten, der Serie STURM aus dem Jahr 2024/25, spielt das Moment der Bewegung eine zentrale Rolle. Auf bis zu vier Meter breitem Querformat zeichnet Andrea Zaumseil Sandstürme. Konfrontiert mit dieser aufwirbelnden Bedrohung, kann man sich kaum der bildimmanenten Gewalt, dem impliziten Schrecken des Bildgeschehens entziehen. Im Gegensatz zur motivisch auf den ersten Blick verwandten Serie RAUCH wird es hier jedoch – und zwar erstmals – möglich, sich als Betrachterin bzw. Betrachter etwas distanzierter zu positionieren. Denn während die dichte Wolkenballung bei RAUCH eine flächenfüllende, über die Bildgrenzen ausgreifende Unentrinnbarkeit suggerierte, befindet man sich bei den STURM-Zeichnungen außerhalb bzw. vor dem unheimlichen Naturschauspiel und kann es nun aus etwas größerer Entfernung betrachten. Entscheidend dafür ist, dass ein tiefer Horizont das stürmische Geschehen fest zwischen Himmel und Erde und zugleich im Hintergrund des Bildraums verankert. Auch jetzt noch nimmt man allerdings unwillkürlich im Akt des Schauens den Standort eines Menschen ein, der, auf sich gestellt und schutzlos ausgeliefert, eine solche, Hunderte von Metern hohe Wolkensandwand auf sich zukommen sieht. Und man ahnt, dass kaum Zeit bleiben wird, sich in Sicherheit zu bringen.
Auch mit der Serie STURM wählt Andrea Zaumseil ein Motiv, das sich als Inbegriff des Diffusen, der Unschärfe und Formlosigkeit, im Grunde der optischen Fixierung und damit der Darstellbarkeit entzieht. Zwar hilft ein schmaler Streifen am Horizont, zwischen Erdboden und Staubwolke zu unterscheiden. Die breitformatig sich ausdehnende Wolkenwand jedoch entzieht sich präzisierender Festlegung. Sie zwingt den Orientierung suchenden Blick zum gleitenden Hin und Her, Vor und Zurück, wobei schließlich das wolkige Sturmvolumen selbst in Bewegung zu geraten scheint. Offenkundig geht es auch darum, die Eigengesetzlichkeit von Bewegung als elementare, körperlichen Raum schaffende Dynamik im statischen Medium der Zeichnung anschaulich werden zu lassen.
Andrea Zaumseils Bildwelten kreisen um Existentielles, thematisieren archetypische Erfahrung wie individuelle Empfindung. Sie schlagen den Bogen von kreatürlicher Angst zu schöpferischer Gestaltungswillen, fragen nach Leben, Überleben und Tod.
Zaumseil verarbeitet in ihren Zeichnungen bildlich dokumentiertes Zeitgeschehen ebenso wie Erinnertes und Gesehenes. Zugleich setzt sie sich mit dem auseinander, was nicht mit dem Mittel der Zeichnung darstellbar scheint: mit dem Diffusen, dem Unscharfen, dem Ambivalenten, dem Haltlosen. Sie lotet die erkennbaren Reste von Licht aus.
Auf diese Weise entsteht ein graphisches Werk mit allen Schattierungen zwischen Weiß und Schwarz, dessen abgründige, bisweilen allein nüchterne Intensität bereichert, dessen düstere Schönheit beglückt.